{"id":910,"date":"2018-04-28T23:13:37","date_gmt":"2018-04-28T22:13:37","guid":{"rendered":"https:\/\/dev.strafrecht-oldenburg.de\/?p=910"},"modified":"2023-02-16T16:54:24","modified_gmt":"2023-02-16T15:54:24","slug":"sexualstrafrecht-ein-kuss-ist-keine-beleidigung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dev.strafrecht-oldenburg.de\/?p=910","title":{"rendered":"Sexualstrafrecht &#8211; Ein Kuss ist keine Beleidigung"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn Staatsanw\u00e4lte sich mal festgebissen haben, lassen die so schnell nicht wieder los&#8230; Das ist ja traurigerweise schon der Normalfall&#8230;<br>Der Richter sollte dann eigentlich das Korrektiv darstellen&#8230; Betonung auf &#8222;sollte&#8220;&#8230; Im vorliegenden Fall also anscheinend nicht&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was war passiert:<\/strong><br>Der Mandant schleppt eine betrunkene Dame aus der Disco in seine nahegelegene Wohnung ab. Man ist eigentlich in Partylaune.<br>In der Wohnung nimmt die Alkoholresorption, ggf. mit einer Anflutungswirkung, bei der Dame derma\u00dfen schnell zu, dass die Dame nicht mehr sonderlich viel mitkriegt, sondern nur noch vor sich hinstarrt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Was passierte dann ? Der Anklagte versucht, die Dame zu k\u00fcssen. Beim Versuch bleibt es, denn die Dame erbricht derma\u00dfen heftig auf den Fu\u00dfboden, dass sp\u00e4ter chemische Reinigungsmittel angewendet werden m\u00fcssen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Staatsanwalt (sinngem\u00e4\u00df): &#8222;Sauerei, wer Betrunkene abschleppt, geh\u00f6rt bestraft!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Tja, aber weswegen denn eigentlich ?<br>Angeklagt ist&nbsp;&#8222;versuchter sexueller Missbrauchs widerstandsunf\u00e4higer Personen&#8220;, zur Tatzeit noch geregelt unter \u00a7179 StGB (und nunmehr von \u00a7177 StGB erfasst)&#8230;<br>Argument der Staatsanwaltschaft: &#8222;Wer Betrunkene abschleppt und k\u00fcsst, der vollzieht auch den Beischlaf&#8230; Beischlaf hat nicht stattgefunden, deshalb Versuch&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Richter nickt zustimmend&#8230;<br>Zum Gl\u00fcck kommen die Herren wenigstens nicht auf die Idee, dass es dann ja ggf. eine versuchte Vergewaltung war. Das h\u00e4tte noch gefehlt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie geht es weiter ?<\/strong><br>Als Verteidiger muss man dann versuchen, zumindest den Richter auf den Boden der Rechtsrealit\u00e4t zur\u00fcckzuholen&#8230; Beim Staatsanwalt ist meist sowieso Hopfen und Malz verloren&#8230;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Einen allgemeinen&nbsp;Erfahrungssatz, dass jemand, der k\u00fcsst, auch weiter geht, gibt des nach Kenntnis der Verteidigung nicht.<\/li><li>Wenn es denn ein Versuch eines Beischlafs w\u00e4re (unmittelbares Ansetzen w\u00e4re hier erforderlich), dann hat der Angeklagte nach dem Erbrechen ja seinen Tatplan freiwillig aufgegeben und nicht mehr weiterverfolgt, was einen strafbefreienden R\u00fccktritt vom Versuch (\u00a724 StGB) darstellt.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Damit h\u00e4tten wir den Beischlafschwachsinn der Staatsanwaltschaft schonmal erledigt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Verbleibt der (versuchte) Kuss.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Ein Kuss ist zwar eine sexuelle Handlung, aber nicht im strafrechtlichen Sinne.<\/li><li>Nach \u00a7184h Nr.1 StGB sind sexuelle Handlungen nur solche, die im Hinblick auf das jeweils gesch\u00fctzte Rechtsgut von einiger <strong>Erheblichkeit<\/strong> sind. Anerkannterweise trifft dies nicht auf K\u00fcsse zu.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Verurteilung kann der Staatsanwalt knicken, dachte ich&#8230;<br>Im Pl\u00e4doyer nochmal darauf hingewiesen, dass ja nicht alles, was moralisch anst\u00f6\u00dfig erscheint, auch strafbar ist, weshalb der Mandant eindeutig freizusprechen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Urteilsverk\u00fcndung dann die \u00dcberraschung: Der Richter verurteilt wegen Beleidigung.<br>Der versuchte Kuss sei eine Beleidigung gewesen, weil die betrunkene Dame damit vom Angeklagten zum blo\u00dfen Objekt degradiert worden sei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie kommt man auf solchen Schwachsinn ?<\/strong><br>Habe ich dann zur\u00fcck im B\u00fcro gemerkt: Der hat wohl einfach mal gegoogelt, weshalb man dann noch so verurteilen k\u00f6nnte.<br>Da muss er dann bei der Beleidigung gelandet sein&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie ging es weiter ?<br><\/strong>Selbstverst\u00e4ndlich gleich Rechtsmittel eingelegt. In der Berufungsverhandlung habe ich argumentiert, dass ein Kuss ja absolut keine Herabw\u00fcrdigung einer Person sein kann, sondern Ausdruck h\u00f6chster Attraktivit\u00e4t ist.&nbsp;Der Angeklagte wollte die Dame schlie\u00dflich nicht beleidigen, der wollte Beischlaf&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Richter fand die Argumentation des Amtsgerichts dann auch etwas abwegig und hat das Urteil gleich aufgehoben&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In diesem Sinne:<br><\/strong>Nicht alles, was moralisch &#8222;verwerflich&#8220; erscheint, ist auch eine Straftat&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Staatsanw\u00e4lte sich mal festgebissen haben, lassen die so schnell nicht wieder los&#8230; Das ist ja traurigerweise schon der Normalfall&#8230;Der Richter sollte dann eigentlich das Korrektiv darstellen&#8230; Betonung auf &#8222;sollte&#8220;&#8230; Im vorliegenden Fall also anscheinend nicht&#8230; Was war passiert:Der Mandant schleppt eine betrunkene Dame aus der Disco in seine nahegelegene Wohnung ab. 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