{"id":944,"date":"2016-02-25T08:11:35","date_gmt":"2016-02-25T07:11:35","guid":{"rendered":"https:\/\/dev.strafrecht-oldenburg.de\/?p=944"},"modified":"2023-02-16T16:55:26","modified_gmt":"2023-02-16T15:55:26","slug":"selbstlaufer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dev.strafrecht-oldenburg.de\/?p=944","title":{"rendered":"Selbstl\u00e4ufer"},"content":{"rendered":"\n<p>Jeder halbwegs erfahrene Strafverteidiger wird es meiden wie der Teufel das Weihwasser, einem Mandanten ein bestimmtes (positives) Ergebnis zu versprechen, insbesondere einen Freispruch.<br>Zu unw\u00e4gbar sind die menschlichen Komponenten, d.h. s\u00e4mtliche&nbsp;Prozessbeteiligte au\u00dferhalb der Verteidigung.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen diesen Grundsatz habe ich gerade (mal wieder)&nbsp;versto\u00dfen und dem Mandanten einen Freispruch fest zugesagt.<br>Konnte ich mir nicht verkneifen. Zu l\u00e4cherlich ist der von der Staatsanwaltschaft beantragte und von der Richterin erlassene Strafbefehl.<br><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Fall:<\/h3>\n\n\n\n<p>Ein Mandant ist beschuldigt, mehrfach&nbsp;Cannabis in kleinen Portionen&nbsp;erworben zu haben.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Dabei ist er nicht beobachtet worden.<\/li><li>Es hat auch niemand ausgesagt, dass er Cannabis gekauft habe.<\/li><li>Den vermeintlichen Dealer hat man auch nicht gefragt, ob er den Mandanten kenne.<\/li><li>Man hat lediglich ein Handy eines vermeintlichen Lieferanten sichergestellt, auf dem Chatverl\u00e4ufe mit einer Telefonnummer gesichert sind, dessen Vertrag auf den Namen des Mandanten l\u00e4uft.<\/li><li>Ein passendes Gegenst\u00fcck zu den Chatverl\u00e4ufen hat man beim Mandanten nicht gefunden; man hat gar nicht erst danach gesucht. Schade, denn dann h\u00e4tte man herausgefunden, dass er&nbsp;eine ganz andere Telefonnummer in Gebrauch hat.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Der Chatverlauf ist besonders aussagekr\u00e4ftig. Der geht sinngem\u00e4\u00df so:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe leckeren Hasenbraten\u201c<br>\u201eCool, ich komm vorbei\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHast mal 10 Min Zeit ?\u201c<br>\u201eNee,&nbsp;nur 3 Min\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als unvoreingenommener Leser (<strong>Unschuldsvermutung !<\/strong>) w\u00fcrde ich jetzt annehmen, dass die Gespr\u00e4chsparteien eine Vorliebe f\u00fcr gut zubereitetes Wild haben und dass deren Zeit knapp bemessen ist.<br>Die Staatsanwaltschaft folgert nat\u00fcrlich, dass hier drei Gramm (ja was eigentlich ? Cannabis, Kokain, Amphetamine, Viagra ?) Rauschmittel den Besitzer gewechselt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Staatsanwaltschaft alles anklagt, was nicht bei drei auf den B\u00e4umen ist, ist ja nun hinl\u00e4nglich bekannt. Aber, und hier h\u00f6rt es auf, lustig zu sein: Von der Richterin h\u00e4tte ich etwas mehr Einsatz erwartet.&nbsp;Die Staatsanwaltschaft kann alles M\u00f6gliche beantragen, aber ein Strafbefehl darf vom Gericht nur erlassen werden, wenn eine Verurteilung \u00fcberwiegend wahrscheinlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Richtigerweise h\u00e4tte der&nbsp;Strafbefehl dem Bearbeiter um die Ohren gehauen werden m\u00fcssen.&nbsp;Ich habe aber den Eindruck, die Richterin hat&nbsp;den Strafbefehl nicht mal gelesen, bevor sie den unterschrieben hat. Lustigerweise scheint genau diese Richterin morgen auch \u00fcber den Einspruch zu verhandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Da (und das ist wahrscheinlich Juristenhumor) werde ich mir den Spa\u00df erlauben,&nbsp;den Mandanten nichts sagen zu lassen, das komplette Verfahren abzuwarten, und dann mal zu schauen, ob&nbsp;Richterin und Staatsanwaltschaft den Mandanten immer noch verurteilen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem habe ich mir vom Handy meines Kollegen schon beim ersten Lesen der Akte&nbsp;eine SMS geschickt: \u201eHast Du mal 3 Min f\u00fcr mich ?\u201c.<br>Die werde ich morgen dem Gericht vorlegen und fragen, ob ich auch mit einer Anklage wegen Drogenhandels rechnen m\u00fcsse.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Erg\u00e4nzung:<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Aus&nbsp;einer deutlich sympathischen Strafverhandlung ist der Mandant nat\u00fcrlich mit einem Freispruch herausgegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider war&nbsp;die Urheberin des Strafbefehls&nbsp;doch nicht zugegen, und bei der&nbsp;nunmehrigen Richterin war erkennbar, dass die den Strafbefehl schon bei der Aktenvorbereitung gedanklich in den Papierkorb bef\u00f6rdert hatte.&nbsp;Diskutiert werden brauchte da jedenfalls nichts mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Schade eigentlich. Ergebnis passt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder halbwegs erfahrene Strafverteidiger wird es meiden wie der Teufel das Weihwasser, einem Mandanten ein bestimmtes (positives) Ergebnis zu versprechen, insbesondere einen Freispruch.Zu unw\u00e4gbar sind die menschlichen Komponenten, d.h. s\u00e4mtliche&nbsp;Prozessbeteiligte au\u00dferhalb der Verteidigung. Gegen diesen Grundsatz habe ich gerade (mal wieder)&nbsp;versto\u00dfen und dem Mandanten einen Freispruch fest zugesagt.Konnte ich mir nicht verkneifen. 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